Medizinisches Cannabis bei chronischen Schmerzen

Cannabis-Therapie bei chronischen Schmerzen – Infografik

Cannabis bei chronischen Schmerzen

Chronische Schmerzen belasten Millionen Menschen weltweit – körperlich wie psychisch. Wenn klassische Schmerzmittel keine ausreichende Wirkung zeigen oder mit schwerwiegenden Nebenwirkungen verbunden sind, kann medizinisches Cannabis eine vielversprechende Behandlungsoption darstellen. Seit der Gesetzesänderung im Jahr 2017 dürfen Ärztinnen und Ärzte unter bestimmten Voraussetzungen Cannabinoid-haltige Medikamente verschreiben – auch zulasten der gesetzlichen Krankenkassen.

Ursachen & komplexe Behandlung

Chronische Schmerzen sind definiert als Schmerzen, die länger als drei Monate andauern. Im Gegensatz zu akuten Schmerzen, die eine Warnfunktion erfüllen, verlieren chronische Schmerzen oft ihren Sinn und werden selbst zur Krankheit. Häufige Ursachen sind:

Die Schmerzursachen sind oft schwer behandelbar, und klassische Schmerzmittel wie NSARs oder Opioide stoßen schnell an ihre Grenzen – sei es wegen mangelnder Wirkung oder erheblicher Nebenwirkungen. Genau hier setzt die Cannabinoid-Therapie an.

Wirkung bei chronischen Schmerzen

Cannabis enthält über 100 Wirkstoffe – die bekanntesten sind THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol). Diese sogenannten Phytocannabinoide beeinflussen das Endocannabinoid-System (ECS) des Körpers – ein Regulationssystem, das zentrale Prozesse wie Schmerzempfinden, Stimmung, Schlaf und Entzündungen steuert.

Die wichtigsten Rezeptoren im ECS sind:

  • CB1-Rezeptoren: vor allem im zentralen Nervensystem
  • CB2-Rezeptoren: besonders in Immunzellen

Cannabinoide können diese Rezeptoren aktivieren und dadurch verschiedene schmerzlindernde Effekte erzielen. THC wirkt dabei psychotrop und schmerzlindernd, CBD eher entzündungshemmend und angstlösend. Eine Kombination beider Stoffe scheint besonders wirksam zu sein – und dabei besser verträglich.

 

Cannabis als Schmerztherapie

Die Studienlage zeigt, dass Cannabisprodukte insbesondere bei neuropathischen Schmerzen und Spastiken im Rahmen von Multipler Sklerose wirksam sein können. Weitere Einsatzgebiete sind:

  • chronische Nervenschmerzen (z. B. infolge von Diabetes oder Gürtelrose)
  • Appetitlosigkeit und Übelkeit bei Chemotherapie
  • Schlafstörungen im Rahmen chronischer Erkrankungen
  • Gewichtsverlust und Depressionen infolge langanhaltender Schmerzen

Weniger überzeugend ist die Wirksamkeit bei:

  • akuten Schmerzen
  • muskulären Schmerzen
  • Rückenschmerzen
  • Kopfschmerzen und Migräne
  • Reizdarmsyndrom oder rheumatoider Arthritis

Die Wirkung von Cannabis ist dabei nicht primär schmerzunterdrückend im klassischen Sinne, sondern verändert vielmehr die Schmerzwahrnehmung: Patient*innen empfinden den Schmerz als weniger belastend.

Anwendungsformen von Cannabis

Je nach Diagnose, Präferenz und Wirkprofil stehen unterschiedliche Darreichungsformen zur Verfügung:

  1. Orale Einnahme
    • z. B. Ölextrakte, Kapseln, Tropfen oder alkoholische Tinkturen
    • Vorteil: längere Wirkdauer, exakte Dosierung möglich
    • Empfehlung für Alltagstauglichkeit
  2. Inhalation mittels Vaporisator
    • wirkt schnell, aber kurz
    • bevorzugt bei akuten Beschwerden
    • Rauchen wird aus gesundheitlichen Gründen nicht empfohlen
  3. Oromukosale Anwendung
    • Tropfen unter die Zunge für schnelle Aufnahme
    • Kombination aus schneller Wirkung und langfristigem Effekt

Ärzt*innen bevorzugen aufgrund der klinischen Erfahrung häufig die orale Anwendung, da sie besser steuerbar und praktikabler ist.

Rechtliche Grundlagen

Seit 2017 dürfen Ärzt*innen in Deutschland Cannabis auf Rezept verschreiben – unter bestimmten Voraussetzungen:

  • Schwere körperliche Erkrankung
  • Austherapiert mit klassischen Medikamenten
  • Nachweis über Nutzen und ärztliche Begründung
  • Teilnahme an der Begleiterhebung

Die Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse muss im Einzelfall beantragt und medizinisch gut begründet werden. Die Verschreibung erfolgt meist durch spezialisierte Fachärztinnen in enger Abstimmung mit Schmerztherapeutinnen.

Nebenwirkungen

Obwohl medizinisches Cannabisin der Regel gut verträglich ist, können insbesondere bei höheren Dosen oder empfindlichen Personen Nebenwirkungen auftreten:

  • Müdigkeit, Schwindel, Übelkeit
  • Störungen der Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Stimmung
  • Mundtrockenheit, Gewichtszunahme
  • Suchtpotenzial bei unsachgemäßer Anwendung
  • Psychotische Reaktionen bei vorbestehenden psychischen Erkrankungen

Besonders kritisch ist die Anwendung bei:

  • Schwangeren und Stillenden
  • Personen mit Suchterkrankungen oder Psychosen
  • Fahrzeugführenden (Verkehrstüchtigkeit kann eingeschränkt sein)

Langzeitwirkungen sind noch nicht ausreichend erforscht – daher erfolgt die Verschreibung mit besonderer ärztlicher Sorgfalt.

Cannabis in der Schmerztherapie

Medizinisches Cannabisist kein Allheilmittel, kann aber bei schwersten, therapieresistenten chronischen Schmerzen eine wirksame Ergänzung sein. Besonders neuropathische Schmerzen und Spastiken sprechen auf die Cannabinoidtherapie an – vor allem, wenn andere Optionen ausgeschöpft sind.

Wichtig ist: Cannabis sollte nicht isoliert, sondern immer im Rahmen eines ganzheitlichen Therapiekonzepts eingesetzt werden – in Kombination mit Physiotherapie, Psychotherapie und ggf. weiteren medikamentösen Optionen.

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Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung, sondern dient der Information. Lassen Sie sich vor einer Therapie immer von einem Facharzt beraten!